Wertschöpfungen aus kulturellen Ressourcen

Eingestellt am 24. Juni 2006 um 19:18 Uhr
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Das Institut für Kulturanthropologie/Europäische Ethnologie der Universität Göttingen lädt vom 29. bis 30. Juni 2006 zur Tagung "Prädikat Heritage - Wertschöpfungen aus kulturellen Ressourcen" ein.

In der Vorankündigung heisst es:


Weltweit erlebt das historische Erbe oder „Heritage“ Hochkonjunktur. Kulturelles Erbe ist tief mit lokaler, überregionaler und globaler Kulturgeschichte verwoben. Als Metaprodukt der Spätmoderne basiert es auf historischen Fragmenten und Figmenten und spiegelt die spätmoderne Besessenheit von Geschichte, die von Konrad Köstlin als für die spätmoderne Kulturproduktion typisch konstatierte Gleichzeitigkeit des historisch Ungleichzeitigen. Nicht nur internationale oder europäische Institutionen benennen kulturelles Erbe, auch auf der regionalen und lokalen Ebene gibt es vielfältige Interessensgruppen, die lokale Geschichte aufbereiten, benennen, vor dem Vergessen schützen und neu interpretieren. Diese Initiativen, die historisches Kontextwissen und kulturelle Praktiken für einen vorwiegend lokalen Interessentenkreis produzieren und somit regionale Traditionen und Identifikationen stiften, schaffen die Voraussetzungen für die Adelung von Kulturgütern durch übergeordnete nationale oder internationale Organisationen.

Auszeichnungen wie „Welterbe“, „Kulturhauptstadt“ etc., mit denen die Einzigartigkeit von Räumen, Architektur, Bräuchen, Liedgut, Dialekten oder Büchern herausgestellt wird, laden Kulturgüter semiotisch auf. Lokale Traditionen, habituell verankerte lokale Praktiken, mehr oder weniger alltäglich genutzte Räume werden zu Attraktionen in einem größeren Kontext. In einer Zeit, in der Kultur und Geschichte wirtschaftlich als „harter“ Standortfaktor bewertet werden, stiftet diese zusätzliche Bedeutung vielfältige Potentiale, aber auch vielfältige Probleme.

Das Konzept des kulturellen Erbes ist ein der europäischen Moderne inhärentes Phänomen. Seit der Prägung des Begriffs während der Französischen Revolution durch Henri-Baptiste Grégoire fand das Konzept des kulturellen Erbes vielfache Anwendungen, vor allem zur Markierung einer symbolischen Differenz. Die Entdeckung von Differenzen zu früheren Kulturformen und Traditionen war ein wesentlicher Motor in der Konzeptualisierung des kulturellen Erbes in der Moderne. In der Abgrenzung vom vermeintlich Anderen, sowohl räumlich, zeitlich als auch sozial, stellte das kulturelle Erbe eine geeignete Projektionsfläche bei der „Erfindung“ der eigenen Kultur dar. In diesem Prozess der Konstruktion steht das Konzept eines kulturellen Erbes in naher Verbindung etwa zum Konzept des kulturellen Gedächtnisses (Assmann 1987) oder auch der „invention of tradition“ (Hobsbawm 1983). Institutionen, die sich als Wahrerinnen eines kulturellen Erbes verstehen (religiöse und Bildungs-Einrichtungen, Museen, Archive etc.), bewahren und produzieren gleichermaßen kulturelles Erbe sowie dessen Bedeutung. Dabei ist kulturelles Erbe keineswegs nur in Objektivationen zu suchen, sondern ebenso in immateriellen Bereichen, die seit der „Erfindung des Begriffes“ immer auch Angriffsfläche für eine Funktionalisierung boten. Wenn nun heute die eingangs erwähnte Konjunktur des Begriffs „kulturelles Erbe“ zu diagnostizieren ist, so erfordert eine Analyse dieses Befundes eine historisch orientierte Untersuchung des gesamten Diskurssystems um den Begriff.

Die theoretische Analyse dieser globalen Entwicklungen wurde seit den 1990er Jahren vor allem durch die anglo-amerikanische Kulturanthropologie sowie den jüngeren interdisziplinären Bereich der Heritage Studies initiiert. Auf dem Kongress der Société Internationale d’Ethnologie et de Folklore (SIEF) im April 2004 in Marseille wurde deutlich, dass die internationale kulturwissenschaftliche Forschung der wachsenden „Heritage-ifizierung“ inzwischen Rechnung trägt, während Beiträge aus dem deutschsprachigen Raum weitestgehend fehlen. Mit der Tagung "Prädikat ‚Heritage’–Wertschöpfungen aus kulturellen Ressourcen" möchten wir einen Beitrag zur Verankerung der internationalen Auseinandersetzung mit dem Konzept des kulturellen Erbes im deutschsprachigen Fachdiskurs leisten.

Die Tagung hat zum Ziel, die aktuellen internationalen Diskurse und die vielfältigen Prozesse um die Entstehung von kulturellem Erbe kritisch zu hinterfragen. Zu diesem Zweck sind vier international anerkannte Wissenschaftler/innen nach Göttingen eingeladen worden, die die historischen und theoretischen Erkenntnisse und Grundlagen zum Themenkreis liefern werden. Hinzugezogen werden empirisch und historisch arbeitende Nachwuchswissenschaftler/ innen aus dem deutschen Sprachraum, deren aktuelle Perspektiven vor dem Hintergrund bestehender Theorien diskutiert werden. Zentral dabei ist die historisch orientierte Analyse heute benannten kulturellen Erbes und die Überprüfung, ob das Konzept des kulturellen Erbes als heuristische Kategorie fruchtbar gemacht werden kann.
Quelle:http://www.kaee.uni-goettingen.de/projekte/tauschek/tagungsidee.htm

Weitere Informationen zu dieser Veranstaltung finden Sie unter
http://www.kaee.uni-goettingen.de/projekte/tauschek/tagungsidee.htm


Die neue Aula der Universität
Friedrich Besemann (1796–1854): Die neue Aula der Universität; Federzeichnung, aquarelliert; um 1837 Abbildung: WIKIPEDIA, GNU


Kommentare

  • pompini schrieb am 06.06.2007:

    sono eccitato circa questo luogo, buon lavoro!:)

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